EMPFÄNGER UNBEKANNT

K. Taylor

Das Stück entstand durch die Bearbeitung eines Briefromans aus dem Jahr 1938. Es zeigt mit großer Genauigkeit und subtilem Einfühlungsvermögen die Entwicklung einer Freundschaft zwischen zwei deutsch-amerikanischen Geschäftsleuten in den ersten Jahren der NS-Herrschaft in Deutschland. Ein jüdischer, in San Francisco lebender Kunsthändler und sein nach Deutschland zurückgekehrter Freund und Geschäftspartner stehen im Briefwechsel. Der Deutsche zeigt sich zunehmend begeistert vom Nationalsozialismus, so dass zwischen den beiden Freunden schließlich offene Feindschaft entsteht. Das Stück für sich wäre schon spannend genug und einen Theaterbesuch wert, erfährt jedoch direkte Aktualität durch die momentanen Vorgänge und Streitigkeiten um die Sammlung Alfred Flechtheim und den Gurlitt-Skandal.

Kressmann Taylor

 

(* 1903 in Portland, Oregon; † Juli 1996, bürgerlicher Name Kathrine Taylor) US-amerikanische Schriftstellerin, war von Beruf Journalistin und Werbetexterin, später, nach dem Erscheinen ihres zweiten Buches, Dozentin am Gettysburg College. Ihr bekanntestes Werk, Empfänger unbekannt, erschien 1938. Die Autorin wählte ein Pseudonym, da ihr Verleger meinte, ein politischer Text, den eine Frau verfasst habe, werde vom Publikum nicht ernst genommen. Der Roman erschien zunächst in der Zeitschrift Story und löste eine breite öffentliche Diskussion aus. Ein Jahr später kam er in Buchform auf den Markt und erzielte eine Auflage von 50000 Stück. Auch international war das Werk erfolgreich – allerdings erst Jahrzehnte nach der ersten Auflage. Es wurde in 15 Sprachen übersetzt, allein die französische Auflage brachte es auf über 600 000 Exemplare. Nach eigener Aussage verbrachte die Autorin ihr letztes Lebensjahr ausschließlich damit, Autogrammkarten zu schreiben und Interviews zu geben. In Deutschland war das Buch in der NS-Zeit verboten. Eine erste Übersetzung kam erst 2001 heraus und wurde ebenfalls zu einem Bestseller. Kressmann Taylor veröffentlichte 1942 ein weiteres Buch, Day of No Return, das anhand der authentischen Geschichte Leopold Bernhards das Schicksal deutscher Christen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus behandelt.

Gurtlitt und die Bilder

Anfang August 2010 kursierte der Name Alfred Flechtheim prominent durch die Presse. Auslöser war die für die Kunstszene ausnehmend peinliche Geschichte des Kunstfälscherskandals um Wolfgang Beltracchi, gefälschte Provenienzen und eine fingierte „Sammlung Jäger“ . Flechtheims Erben fordern seither im Rahmen der Restitution von Raubkunst für etwa 20 Werke die Rückgabe aus verschiedenen Museen. Die Restitutions-Diskussion war damit in vollem Gange. Das Thema war ab da ein dankbares für die Presse, die angefangen hatte, tiefer zu graben. Am 3. November 2013 war es dann soweit: es erschien ein Artikel im Nachrichtenmagazin Focus über ein Beschlagnahme-Aktion der Augsburger Staastanwaltschaft im Jahre 2010. Diese hatte in den Tagen vom 28. Februar bis 2. März 2012 in der Schwabinger Wohnung Cornelius Gurlitts sämtliche der 1280 aus dem Nachlass seines Vaters stammenden Kunstwerke beschlagnahmt. Die Augsburger Staatsanwaltschaft erklärte dazu, sie ermittle gegen Cornelius Gurlitt wegen „eines dem Steuergeheimnis unterliegenden strafbaren Sachverhalts“ und wegen des Verdachts auf Unterschlagung. In einem Interview mit dem Magazin Der Spiegel äußerte dieser, die Justiz und die Medien stellten die Zusammenhänge falsch dar. Alle Kunstwerke seien von seinem Vater rechtmäßig erworben und an ihn vererbt worden. An eine freiwillige Rückgabe denke er nicht. Die Gerichte in Deutschland nehmen an, daß hunderte Kunstwerke, die sich in der Gurlittsammlung befinden, Raubkunst sein könnten, wie ein angemessener Umgang mit Nazi-Raubkunst aber aussehen könnte, lässt sich aus der momentanen deutschen Gesetzeslage scheinbar nicht herleiten. Bereits in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen wurde eindeutig festgestellt, daß die Plünderung jüdischen Eigentums ein wichtiger Teil des Völkermordes an den Juden war und als Kriegsverbrechen einzustufen sei. Die meisten Deutschen profitierten durchaus von dieser systematischen Ausplünderung der jüdischen Mitbürger. Diese Raubzüge waren am Beginn dessen, was zur totalen und weltweiten Vernichtung des jüdischen Volkes hätte führen sollen, fester und taktischer Bestandteil des Holocaust. Bereits zum Zeitpunkt der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse war für jeden sichtbar, daß dieses geraubte Eigentum restituiert werden musste. „In einer Stellungnahme vor dem House Banking Committee in Washington im Februar 2000 wurde unter Berücksichtigung der Problematik konkreter Zahlenangaben vermutet, dass etwa 600.000 Kunstwerke zwischen 1933 und 1945 von Deutschen gestohlen, enteignet, beschlagnahmt oder geraubt wurden: Es gelangten daraufhin viele Kunstwerke mit ungeklärter Herkunft in den internationalen Kunsthandel und in öffentliche Sammlungen. Die Zahl der nicht an die rechtmäßigen Eigentümer zurückgegebenen und unter Umständen noch identifizierbaren Kunstwerke, die weltweit verstreut in öffentlichen Sammlungen und Privatbesitz vermutet werden, wird auf bis zu 10.000 geschätzt. ,Deutschland hat, mit 40 weiteren Staaten, die Washingtoner Richtlinien zum Umgang mit der Beutekunst der Nazis von 1998 und die Theresienstädter Erklärung von 2009 unterzeichnet. Dabei handelt es sich um ein internationales Reglement, wonach diese Staaten sich verpflichten für das Auffinden und die Rückgabe von Raubkunst zu sorgen. Seitdem wurden weit über tausend Gemälde und Kunstobjekte aus etwa 20 Staaten an die Eigentümer oder ihre Erben restituiert.‘ Vor allem diese Erklärung macht deutlich, dass nicht juristische Hürden mögliche Anspruchsberechtigte dafür bestrafen sollen, dass sie ihre Ansprüche erst jetzt stellen.“ (Hannes Hartung: Kunstraub in Krieg und Verfolgung. Die Restitution der Beute- und Raubkunst im Kollisions- und Völkerrecht. Zürich 2004, S. 44 f.) Die Augsburger Oberstaatsanwaltschaft unter Reinhard Nemetz scheint diese aber nicht zu kennen. Die bei Gurlitt beschlagnahmten Werke wolle er vor "Glücksrittern" schützen, die falsche Ansprüche geltend machen könnten. […] „Das wahre Problem ist also das Risiko, dass da jemand falsche Ansprüche stellen könnte - und nicht, dass es Hunderte tatsächlicher Ansprüche geben könnte oder dass Hildebrand Gurlitt seine Sammlung aufbaute, indem er mit Eigentum handelte, das den Juden geraubt worden war, sei es direkt oder indirekt durch den Druck, Wertvolles unter Preis verkaufen zu müssen.“ […] stellt James D. Bindenagel in einem Kommentar der SZ vom 26.11.2013/cag fest. Weiterhin schreibt er: „[…]Deutschland muss seine staatliche Kraft einsetzen, um ein Zeichen zu setzen, das künftigen Generationen zeigt, wie das Unrecht aufgearbeitet werden kann, das während des Völkermords geschah. Das ist es, was große Nationen tun.“

Sepp Fischer

Randnotiz zur Inszenierung

Was jede zeitlose und gute Literatur und eben auch gutes Theater auszeichnet, beschreibt Max Reinhardt in seiner „Rede an die Schaupieler“ im Absatz über Shakespeare klar und einfach: „ Von Menschen [soll sie handeln], Menschen mit allen Leidenschaften, Menschen von elementarer Großartigkeit und zugleich von lebendigster Wahrheit.“ Diese Forderung erfüllt „Empfänger unbekannt“ voll und ganz. Es gibt so manches beflissene, gut gemeinte Werk, welches sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandersetzt. Man sieht es sich an, nickt beifällig und betroffen und – vergisst es schnell; weil es zu viele seiner Art gibt. Und dann gibt es jene sehenswerten Stücke, die immer wieder gespiellt werden sollten, unabhängig davon, ob es aktuelle politische Bezüge gibt oder nicht. „Empfänger unbekannt“ handelt von Menschen, nicht ideologischen, intellektuellen Konzepten, seien sie gut oder schlecht.; und trotz der Erwartung, eine x-te Bearbeitung des Themas Nazionalsozialismus könne keine neuen Facetten mehr aufzeigen, nachdem man „Shoa“ und „Schindlers Liste“ gesehen hat, überzeugt uns Taylor vom Gegenteil. Sie enthält sich dabei jedes belehrend-erhobenen, moralischen Zeigefingers. Keine blutleeren, penetrant wiederholten Klischees bevölkern ihr Werk.; keine aus einer anderen Zeit gefallenen Figuren, deren Handlungen uns zwar irgendwie berührt, deren Motive wir aber nicht (mehr) wirklich nachvollziehen können. Taylors Charaktere hingegen vereiteln jede Möglichkeit zur Flucht in die Aussage, das könne heute ja gar nicht mehr geschehen. Keinen heroischen Kampf sehen wir hier, sondern die simple Tragödie des Lebens in einer Umgebung von Diktatur und Unterdrückung; und weil wir da Menschen sehen auf der Bühne, mit Schwächen, voller Zweifel, können wir fühlen und nachvollziehen, wie schnell auch bei uns selbst ethische Grundsätze anfangen unscharf zu werden, wenn sie unter den Druck der existentiellen Bedrohung geraten – egal in welcher Zeit, egal unter welcher Tyrannei. Das ist die absolute Stärke dieses Stückes! Am Ende gibt es keine Sieger und Helden – nur Verlierer, deren Menschlichkeit unter die Räder gekommen ist. Schnell wurde während der Probenarbeit klar, daß es viel zu recherchieren gab, wollte man sich dem Stoff adäquat nähern. Denn um den Briefroman von Kressmann Taylor auf die Bühne zu übersetzen, mussten u.a. Fragen aus dem Bereich der Kunstgeschichte geklärt werden, wie z. B.: Um welche Bilder, die einer der Protagonisten mit vielen anderen Dingen "jetzt erstaunlich günstig erwerben kann", könnte es sich handeln und woher stammen diese? Wie kommt er an die Bilder, die er dem anderen, seinem jüdischen Freund, nach Amerika schickt? Die Antwort lag auf der Hand: Es musste sich um Raubkunst handeln. Hatte man den Aspekt, dass die beiden Protagonisten Kunsthändler sind, auf den ersten Blick nur für ein Detail gehalten, das deren Charakterisierung dient, so tat sich mit dieser Erkenntnis eine weitere tragische Dimension des Stückes auf. So macht sich einer der beiden, ohne es zunächst zu wissen, schuldig, weil er ahnungslos zum Werkzeug der Nazis wird, indem er aus der Verfolgung und Enteignung seiner in Deutschland zurückgebliebenen jüdischen Mitbürger Kapital schlägt. In die Probenarbeit platzten bald aufsehenerregende Meldungen über die Sammlung Flechtheim, die Gurlitt-Affäre und die erneut aktuelle Diskussion über den Umgang mit der Vergangenheit. Damit gewann das Stück „Empfänger unbekannt“ eine gesellschaftliche und politische Aktualität, die keiner bei Beginn der Proben hatte ahnen können. Mehr noch: Wenn eine amerikanische Werbetexterin, die weitab von den Geschehnissen in Europa lebte und keinen Zugang zu Geheimdienstinformationen hatte, 1936 in der Lage war, ein solches Werk zu verfassen, wieviel Glaubwürdigkeit kann man dann der oft geäußerten Rechtfertigung „wir haben es nicht gewusst“ zubilligen?

Sepp Fischer

Mathias Noell, Sepp Fischer, Anika Kühl, Theater der Vaganten-Regensburg

mit:

Sepp Fischer

als Martin Schulze 

 

Matthias Noell  

als Max Eisenstein

 

Regie Anika Kühl

"Wo die Ideologie siegt, ist der Mensch Verlierer […] Schlicht und eregreifend – die Bearbeitung des erstmals 1938 erschienenen Briefromans 'Empfänger unbekannt' hinterließ im Paul-Theater ein kleines aber tief beeindrucktes Publikum. […] Auf der Bühne präsentiert sich eine mit wenigen Requisiten auskommende Szenerie. […] Brief um Brief, vom Absender hinter dem Vorhang unsichtbar rezitiert, vom Empfänger mimisch und gestisch kommentiert, wird die Freundschaft der Protagnositen schließlich zur Tragödie – und zum Spiegel einer maroden Gesellschaft.[…] Vom Beginn bis zum überraschenden und beklemmenden Ende liegen knapp eineinhalb Stunden voller Spannung und Betroffenheit, […] Ein literarisches Meisterwerk von leider immer weider beklemmender Aktualität, in der Form eines Kammerspiels aufgearbeitet – schlichtweg sehenswert!"

Andrea Kaufmann,

Straubinger Tagblatt